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Die
Bütt
Die Bütt ist quasi "närrisches
Hoheitsgebiet", auf dem der Vortragende die vielzitierte Narrenfreiheit genießt,
in der er glaubt, das sagen zu können, was er sich sonst nicht zu sagen getraut
hätte. Sie ist das närrische Rednerpult für Witz, Geist und Satire, also dem eigentlich
Spezifischen der Mainzer Fastnacht.
Ihrer Herkunft nach ist die Bütt ein halbes, nach hinten geöffnetes Weinfass.
Ist sie zu ihrem närrischen Verwendungszweck wegen ihres symbolischen Inhaltes
gekommen? Der Wein gehört schließlich unabdingbar zum närrischen Geschehen. Oder
dachte man bei ihrem Einsatz an Diogenes, den weisen Mann aus dem antiken Griechenland,
der aus einem solchen Fass seine Philosophie verkündete? Vielleicht hat man deshalb
im Laufe der Zeit der Bütt das Aussehen einer Eule, dem Vogel der Weisheit, gegeben
und nennt sie aus diesem Grund auch respektvoll "die Eulentonne"?
Wie oft hat der Narr in der Vergangenheit durch gesunde, konstruktive Kritik Anregungen
gegeben und dazu beigetragen, dass lokale Probleme im Bürgersinne gelöst werden
konnten? Deshalb bedient sich auch gerne die profane Prominenz der Bütt, um ihren
Standpunkt möglichst gereimt und humorvoll vorzutragen. So steht die Bütt auch
als närrisch demokratisches Forum, als Instrument für praktizierte Narrheit-Einigkeit.
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Helau
"Unserer goldig Fassenacht ein
dreifach donnerndes Helau", dieser Satz gehört zum vielgebrauchten närrischen
Vokabular eines jeden Sitzungspräsidenten. Ein dreifaches HELAU wird auch auf
die Aktiven, die die Sitzung gestalten, als Lohn für ihre Leistung ausgebracht.
Ohne HELAU wäre eine Sitzung in Mainz und anderswo überhaupt nicht vorstellbar.
Aber dies war nicht immer so. Bis 1934 erklang zu Ehren der Mitwirkenden ein "Hoch"
oder "Hurra". In der Kampagne 1935 wurde dann erstmals das neue HELAU
angestimmt, das eine Delegation Mainzer Fastnachter von einem Freundschaftsbesuch
in Düsseldorf mitgebracht hatte. Es ging den Mainzern so in Fleisch und Blut über,
dass selbst bei profanen Fest- und Umzügen außerhalb der Fastnachtszeit oft vom
Straßenrand ein fröhliches HELAU erklingt.
Bei der Forschung nach der Herkunft dieses Zauberwortes wurden weltliche und kirchliche
Quellen befragt. Volkskundler haben dabei herausgefunden, dass es gar nicht so
abwegig wäre, das HELAU als Verballhornung des kirchlichen Jubelrufes HALLELUJA
zu deuten. Das ist umso wahrscheinlicher, als in bestimmten Regionen des Rheinlandes
die Narren noch heute AJUJA rufen. Vielleicht begegnet einem unserer karnevalistischen
Altvorderen, die wir im chrictlichen Glauben im Narrenhimmel wähnen, irgendwann
einmal auf "Wolke 11" Gott Jokus. Möglicherweise kann er diese Vermutung
bestätigen.
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Die
Orden
Sie gehören zur Fastnacht wie der Bajazz
und der Till. Durch ihn identifiziert sich der Narr mit seiner Korporation und
trägt ihn als sichtbaren Beweis für sein Engagement in "der herrlichsten
Nebensache der Welt". Die Geschichte der närrischen Orden ist dabei so alt
wie die organisierte Fastnacht selbst, die im Jahre 1838 begann.
Eines der Gründerziele war es, das lange Zeit dem Adel und dem Militär vorbehaltene
Ordenswesen zu persiflieren. Doch nach relativ kurzer Zeit gab es eine wahre Ordens-Renaissance.
Viele Orden sahen wieder aus, als seien sie wirklich welche.
Erst nach dem Ersten Weltkrieg gestaltete man sie mit närrisch kreativer Phantasie.
Gekreuzte Schwerter ersetzte man durch Pritsche und Narrenzepter, der deutsche
Adler machte der Eule Platz, lokale Motive fanden Einzug. So zeigt der erste Nachkriegsorden
des MCV den Narren, der versucht, vor der Stadthalle den Karren wieder aus dem
Dreck zu ziehen. Heute sind die Orden nicht selten kleine Kunstwerke - im Prinzip
also von der ursprünglichen Bedeutung wieder weit entfernt. Kein Wunder, dass
es Pseudo-Fastnachter gibt, die mit allen möglichen Tricks versuchen, in einer
Kampagne so viele der begehrten Orden abzustauben, dass sie ihren Rücken noch
behängen müßten, da die Brust allein nicht mehr ausreicht. Und das alles ohne
Nachweis fastnachtlichen Tuns. Der aktive Narr bedauert und verurteilt dies, bleibt
aber vom ideellen Wert seines redlich verdienten Ordens überzeugt.
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Die
Fastnachtsfarben
Die vier Fastnachtsfarben ROT-WEISS-BLAU-GELB
sind schon seit den ersten Fastnachtsjahren in Mainz nachweisbar, ohne dass man
Herkunft und Bedeutung der Farben genau kennt. Günter Schenk zitiert in seinem
Buch "Fassnacht in Mainz" einen Büttenredner, der im Jahre 1840 seine
Narrenkappe in den Saal schwenkte und dazu reimte: "WEISS ist die Reinheit
unserer Absicht, dein GELB ist das Sonnengold unserer Herzen, dein ROT ist die
Feuerfarbe unserer Gedankenbilder, dein BLAU ist der Azurhimmel unserer Freudigkeit."
Es war dies eine poetisch-romantische Beschreibung mit momentanem Unterhaltungswert,
aber ohne jeden realen Bezug.
Eine durchaus interessante Deutung weist auf die Trikolore der französichen Revolution
mit den Farben BLAU-WEISS-ROT hin, die um die Farbe GELB erweitert wurde. Bekanntlich
wurde die erste Mainzer Narrenkappe nach dem Vorbild der Jakobinermütze gefertigt,
die eine Kokarde in den Farben BLAU-WEISS-ROT aufwies. Das GELB könnte als alte
Kirchenfarbe oder als eine der Farben, die im Kostüm der Clowns und Harlekine
dominierten, eingebracht worden sein. Sei es wie es sei. Wichtig für den Fastnachter
ist, dass Blau in dem Vierfarbbanner enthalten ist, denn kaum ein anderes Wort
reimt sich besser auf HELAU.
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Rosenmontag
"Am Rosenmontag bin ich geboren
..." Margit Sponheimers "gesungene Geburtstagsurkunde" ist ebenso
berühmt geworden wie der Mainzer Rosenmontag mit seinen unnachahmlichen Zügen
selbst. Lange Zeit stand "Rasen" oder "rasender" Montag für
das, was sich direkt vor Eintritt in die Fastenzeit tat. Hier wollte man allen
Genüssen des menschlichen Lebens, insbesondere den fleischlichen, noch einmal
nachgehen, was nur zu oft in Zügellosigkeit bis hin zur öffentlichen Raserei ausartete.
Es war eben zu keiner Zeit leicht, das "carne vale" - Fleisch, lebe
wohl - zu sagen.
In Mainz gab es im 16. und 17. Jahrhundert am Hofe des Kurfürsten ein ausgeprägtes
fastnachtliches Treiben, dem die Napoleonische Zeit ein abruptes Ende setzte.
Erst 1815, nach dem Wiener Kongress wurde es wiederbelebt. Nach Kölner Vorbild
wurde 1837 der erste, noch kleine, aber bereits organisierte Umzug durchgeführt,
der den unkontrolliert, oft sogar unsittlich auftretenden Gruppen jede Chance
nahm. Aus diesem "Krähwinkler Landsturm" ging noch im gleichen Jahr
die Mainzer Ranzengarde hervor, die älteste Mainzer Fastnachtskorporation überhaupt.
Ein Jahr später gründete sich der Mainzer Carneval-Verein (MCV) von 1838. Dieser
organisierte den ersten offiziellen Zug, der am 26. Februar 1838 durch Mainz lief
und dem bis jetzt 99 weitere folgten. Auch in diesem Jahr, in dem der Rosenmontagszug
sein 100. Jubiläum feiert, werden die Menschen wieder die Straßen säumen und den
Motivwagen, den Garden und den einmaligen Mainzer "Schwellköppen" zujubeln.
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Das
Motto
Während die Rosenmontagszüge von Anfang
an unter einem Leitmotiv standen, war ein Motto für eine Fastnachts-Kampagne früher
die berühmte Ausnahme (z.B. 1846 und 1932). Erst seit dem Neubeginn nach 1945
gibt es in jedem Jahr das alle Mainzer Narren verbindende Motto. Vorschläge hierfür
kann jeder unterbreiten. Der Spruch soll für Mainz und die Fastnacht werben und
die Menschen animieren, nach Mainz zu kommen, um sie an der Quelle zu erleben.
Seine Dichter müssen sich dabei an bestimmte Vorgaben halten. Das Motto soll aussagen,
dass Mainz "golden" und die Fastnacht nirgendwo schöner ist. Helau und
Humor sollen vorkommen, und wenn Lachen und Wein noch unterzubringen sind, wäre
es perfekt. Das Ganze darf nicht mehr als zwei Zeilen lang sein. Die Mottoisten
holen ihre Ideen aus allen Lebensbereichen. Am beliebtesten sind dabei immer noch
die Rhein-Wein-Mägdelein-Kombinationen, aber auch kritische Akzente werden gesetzt.
Selbst kirchliche Bezüge sind nicht mehr tabu. Vorschläge wie "Singt 's Margittche
ihr'n neueste Hit, dann schunkelt selbst der Bischof mit" lassen sogar unseren
Mainzer Oberhirten schmunzeln. Zu unseren ausländischen Mitbürgern haben wir ein
historisch begründetes gutes Verhältnis. Nicht wenige haben die Mainzer Lebensart
mit ihrer ursprünglichen zu einer "ethnischen Symbiose" werden lassen.
Einen Mottovorschlag wie "Was Bauchtanz ist für die Türkei, ist Fassenacht
in Meenz am Rhei" sollte man sich deshalb auf der Zunge zergehen lassen.
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Das
Prinzenpaar
In Köln regieren alljährlich Prinz,
Jungfrau und Bauer, das legendäre "Dreigestirn". In allen sonstigen
Hochburgen von Karneval, Fasching, Fasnet und Fastnacht inthronisiert man für
jede Kampagne "sein" Prinzenpaar. Mainz bildet darin eine Ausnahme.
Dort wird ein Prinzenpaar "nur zu besonderen Anlässen" als närrischer
Regent an die Spitze der Fastnacht gestellt. Dabei haben närrische Tollitäten
auch in Mainz durchaus ihre Tradition. Bereits im Gründungsjahr des MCV, also
1838, regierte ein "Prinz Carneval". Ein Jahr später war es schon ein
"König Carneval", der zusammen mit der "Jungfrau Moguntia",
die freilich ein Mann war, das Zepter schwang. Im Jahre 1897 war es der amtierende
Mainzer Oberbürgermeister Dr. Heinrich Gassner, der die Prinzessin mimte. Zum
ersten Mal in der Geschichte der Mainzer Fastnacht wurde die Prinzessin zum 100-jährigen
MCV-Jubiläum von einer leibhaftigen Frau verkörpert, die als "Hildegard 1."
zusammen mit Prinz "Martin 1." Mainz und seine Narren verzauberte. Die
Jahrtausendwende und der 600. Geburtstag des größten Sohnes von Mainz, Johannes
Gutenberg, sind die kalendarische Legitimation dafür, dass nach fünfjähriger Pause
in der vergangenen Kampagne ein Prinzenpaar regierte. In der diesjährigen Kampagne
gibt es kein Prinzenpaar in Mainz!
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Der
Narrhallamarsch
Als im Jahre 1838 der Mainzer Carneval-Verein
ins Leben gerufen wurde, zählte der österreichische Regiments-Kapellmeister Karl
Zulehner zu seinen Gründungsmitgliedern, der von Anfang an auf den Veranstaltungen
des Vereins auch den Dirigentenstab schwang. Einen Karnevalsmarsch kannte man
damals noch nicht. Es darf aber angenommen werden, dass man nach einer geeigneten
Melodie suchte. Zu den populärsten Komponisten jener Zeit gehörte Adolphe Adam,
dessen "Postillion von Lonjumeau" die Welt eroberte. An dem hohen D
der Postillion-Arie berauschen sich noch heute Tenöre und Publikum. Adam schrieb
aber unter anderem auch noch die Oper "Der Brauer von Preston", die
zwar nicht die Berühmtheit des Postillions erreichte, der aber die Fastnacht den
Mainzer Narrhallamarsch verdankt. Sie wurde 1840 in Mainz aufgeführt. In ihr entdeckte
Zulehner die Motive, aus denen er den Narrhallamarsch zusammenstellte. 1844 dirigierte
er ihn in seinem Arrangement erstmals bei der Eröffnung der Kampagne. Einen festen
Text hat der Narrhallamarsch nicht. Gelegentlich wurden und werden ihm spontane
Dichtungen unterlegt. Diese haben aber nur aktuellen Begeisterungswert. Beim Narrhallamarsch
spricht die Musik für sich selbst.
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Gardetanz
und Hofballett
Wenn es in den Sitzungen heißt "Bühne
frei für das Ballett", dann treten junge Damen in Erscheinung, die von den
Sitzungspräsidenten stolz als "unser Hofballett" vorgestellt werden.
Sie lockern die überwiegend rhetorische Programmfolge nicht nur optisch auf. Es
handelt sich in der Regel um Amateurgruppen von Tanzschulen oder Sportvereinen.
Sie und die vielen Gardetanzgruppen des Landes beweisen, dass vom einfachen "Hoch-das-Bein"-Rhythmus
bis zur anspruchsvollen Choreographie eines "Motto"-Tanzes der Phantasie-Bogen
närrischer Aktivitäten weit gespannt sein kann. Diese Fastnachts-Ballette haben
ihren Ursprung in den französischen "Ballett-Maskeraden" des 16. Jahrhunderts.
Die wurden getanzt, während ein Ansager die Handlung erzählte und aus denen sich
zu Beginn des 17. Jahrhunderts das "Ballet de cour" herausbildete, wie
es seinen Höhepunkt am Hofe des Sonnenkönigs Ludwig XIV. in Paris erlebte. Es
bestand aus einem Chor zum Lob des Königs sowie aus Szenen, die entweder getanzt,
gesungen oder akrobatisch dargestellt wurden. Hinzu kam ein allegorisches, nach
Vorbildern der Antike gestaltetes Ballett, das der König oft persönlich anführte.
Diese Tanzkultur wurde an deutschen Königs- und Fürstenhöfen bereitwillig nachgeahmt.
Hier bestand im 18. Jahrhundert eine förmliche Hysterie, französischer als die
Franzosen zu sein. Von dort fand das Ballett Zugang zum Bürgertum und schließlich
auch in den Karneval, der an und in den Residenzen zu Hause war, bevor er volkstümlich
werden konnte.
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Narrenkappen
In den Karneval eingeführt wurde die
Narrenkappe kurioserweise von einem preußischen General. Der schrieb sie 1827
in Köln obligatorisch vor, damit man die von der Obrigkeit argwöhnisch beobachteten
Narren leichter erkennen konnte. Die Mainzer übernahmen diesen Brauch, als sie
1838 ihre Fassenacht organisierten. Die Form der Kappen entsprach zuerst jener
Mütze, die die Jakobiner der Französischen Revolution von 1789 trugen. Diese war
ursprünglich die Kopfbedeckung der Leibeigenen und Sträflinge und wurde bei den
Bastille-Stürmern zum Symbol der "Liberté". Jetzt bedienten sich ihrer
die nach "Narren-Freiheit" strebenden Bürger im Rheinland. Zunächst
wechselten die aus Papier gefertigten Kappen von Jahr zu Jahr. Es war Brauch,
sie am Aschermittwoch zu verbrennen - übrigens zusammen mit dem "Stern",
einer runden Papierscheibe, die als Eintrittskarte für die Veranstaltungen der
abgelaufenen Kampagne galt. Form und Ausstattung der Kappen änderte sich schon
bald. 1840 hieß es im "Carneval-Almanach", das Produkt der Saison sei
eine "schöne, dreischellige, dreischnabelige, vierfarbene Kappe". Zum
Verbrennen waren diese neuen Kappen zu schade (und zu teuer). Es entwickelte sich
eine Vielfalt von Kappen, aber auch eine Hierarchie vom einfachen Mitglied bis
zum Komiteter. Trotzdem gibt es heute noch närrische Korporationen, in denen jeder,
egal auf welchem Posten er aktiv ist, die gleiche Kappe trägt, getreu dem alten
Motto: "Gleiche Brüder - gleiche Kappe!"
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Komitee
und Elferrat
Die karnevalistische Korporation hat einen Vorstand und einen Elferrat: das Komitee.
Im Normalfall gehören die Vorstandsmitglieder automatisch dem Elferrat an und
haben dadurch das Recht, bei den Sitzungen auf der Bühne am Komitee-Tisch zu thronen,
von dort Freunden, Bekannten und Ehrengästen zuzuprosten, und selbst stundenlang
gesehen zu werden. In traditionsbewussten Korporationen ist es aber auch heute
noch Ehrensache, dass verdiente Bühnenaktive auch Mitglieder des Komitees sind,
in ihm sitzen und es nur für die Dauer ihres Auftrittes vorübergehend verlassen.
Es gibt aber auch Elferräte, die vorwiegend aus profilierungssüchtigen Pseudo-Karnevalisten
bestehen und die sich ihr Sitzrecht teuer erkaufen. Diese sind erfreulicherweise
in der Minderzahl. In den Anfangsjahren der Fastnacht bestand das Komitee nur
aus neun Mitgliedern, aber schon wenige Jahre später war es auf die heutige Zahl
von 11 erweitert. Viele angesehene und auch prominente Bürger saßen aus "Spaß
an der Freude" im Komitee. Die Mainzer erfanden bald den Spruch, wer MCV-Präsident
gewesen sei, der werde wohl bald auch Oberbürgermeister. Mit Carl Wallau und Alexis
Dumont hatten sie Recht. Beide regierten als Präsidenten die Narren und dann als
Bürgermeister die Stadt: Wallau 1872, Dumont dann 1877. Seit vielen Jahren ist
es in Mainz gute Tradition, dass auch die jeweils amtierenden Oberbürgermeister
die Würde von Ehren-Komitetern haben und als solche auch gerne in Erscheinung
treten.
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Der
Vortrag - Die Büttenrede
Die Sitzungsvorträge in den Gründerjahren
waren überwiegend "Plaudereien" in Prosa. Dazu kamen dann nach und nach
neben Vorträgen in Versform auch Zwiegespräche. Allgemeine Politik war noch kein
Thema, aber die "Lokalpolitik" spielte von Anfang an eine große Rolle.
Als Beispiel seien die "Mainzer Straßenzustände" aus einem Vortrag von
1841 genannt. Bald mischten sich national-politische Töne in den bisher "romantisch"
verlaufenden Karneval und die Vorträge wurden schärfer. Dies war eine Reaktion
auf gesellschaftliche Missstände und vor allem Protest gegen die Einschränkung
von Presse- und Redefreiheit, wie sie im Deutschen Bund des Vormärz noch immer
aus dem von Metternich bestimmten Wien verfügt wurde. Der sich im weiteren Verlauf
der Sitzungsgeschichte entwickelnde politische Vortrag verstand sich dabei stets
als "gekonnte Kritik" und war mehr als Politisieren. Seine Quellen wurden
Geist, Humor und Toleranz seiner Interpreten. In den Jahren nach 1933 gehörte
zu diesen Attributen noch sehr viel Zivilcourage, um sich dem "Mythos des
20. Jahrhunderts" nicht zu beugen - das geschah natürlich auch -, sondern
ihm kritisch zu widerstehen.
Als sich nach 1945 das Leben wieder
normalisierte und erster Wohlstand einstellte, kam der so genannte "Kokolores"-Vortrag
neben dem politischen zum Zug. Er thematisiert das Menschlich-Allzumenschliche
und erfreut sich unverändert großer Beliebtheit. Der gute politische Vortrag wird
aber nach wie vor als Programmpunkt in den Sitzungen unserer Zeit erwartet. Dessen
wesentliches Anliegen fasste einmal ein Vertreter dieser Richtung so zusammen:
"Denen, die ganz oben walten, hier den Spiegel vorzuhalten, ist Sinn und
Zweck von uns'rem Streben. Und wenn wir dabei Freude geben und der, dem man 'nen
Vorwurf macht, am Ende selbst darüber lacht, seht, des is Meenzer Fassenacht."
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